Anlass des Artikels war für mich folgender Spiegel-Bericht.
Dass kein Medium bisher folgendes Thema anspricht, wundert mich. Wie sieht die Parteispitze die Pläne von Sahra Wagenknecht? Niemand kann ernsthaft noch glauben, dass das hier gezeigte Schauspiel noch ein Versuchsballon mit Arbeitsaufteilung ist. Wagenknecht genießt zweifellos eine operative Freiheit im BSW.
Und wenn die öffentliche Kritik an ihren Aussagen zu groß würde, dann könnte man von der Parteispitze her offiziell bequem zurückrudern. So könnte man es denken, und so werden sicher auch viele Journalisten einordnen. Doch das ist nicht das Spiel, welches wir sehen. Wir sehen, dass sich Sahra Wagenknecht ihre Partei wieder zurückholen möchte. Ihr Rückzug aus der Parteispitze und die Koalitionen in Brandenburg und Thüringen waren schwere taktische Fehler. Wagenknecht hat das erkannt – leider nur deshalb, weil der Einzug in den Bundestag misslang und die Umfragewerte mit in den Keller gingen. Und was sehen wir jetzt? Wir sehen das eisige Schweigen der BSW-Spitze zum AfD-Kurs von Sahra Wagenknecht. Nicht dass ich darüber unglücklich wäre – im Gegenteil. Doch dieser Wandel kommt zu spät und nun zu unglaubwürdig daher. Wagenknecht und das BSW hatten ihre Chance und diese vergeigt. Was sehen wir noch? Die Partei ist politisch komplett gelähmt. Dass die offiziellen Vorsitzenden und der Generalsekretär dazu kein Wort sagen, ist kein cleveres Versteckspiel. Sie verweigern schlicht den Dienst.
Niemand von ihnen hat Lust, sich vor die Kameras zu stellen und den radikalen Slalom zu verteidigen, den Wagenknecht da im Alleingang vorgibt. Jetzt rächt sich das Konstrukt dieser Partei bitterlich. Das BSW hat außer Wagenknecht kein einziges prominentes Gesicht mit echter Strahlkraft. Die Führung hat an der Basis überhaupt keine eigene Hausmacht. Würden sie Wagenknecht jetzt öffentlich widersprechen, gäbe es den totalen Knall – und diesen Machtkampf würden sie krachend verlieren. Die noch verbliebenen Wähler sind wegen Wagenknecht da, nicht wegen der Parteispitze. Das dröhnende Schweigen ist das Eingeständnis einer totalen Ohnmacht. Fast schon hatten die ehemaligen Linken ihr Ziel erreicht und das BSW in ihrer Hand. Die formelle Führung sitzt nun hilflos auf dem Beifahrersitz, während Wagenknecht das Auto nach der verlorenen Wahl mit Wut und Vollgas Richtung Abgrund steuert. Wer als „Schutzwall gegen Rechts“ angetreten ist und jetzt zusehen muss, wie die Namensgeberin höchstpersönlich versucht, die Brandmauer einzureißen, hat schlicht keine Argumente mehr übrig. Um wenigstens einen Rest linker Würde zu bewahren, halten sie lieber den Mund.
Dieser Artikel erschien zuerst auf X.